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 Presse 2005  

Kind sehnlich erwünscht

19.11.2005
Endometriose als Ursache von Sterilität und Lebensqualitätseinbußen

Von Ursula Persak

Die 24-jährige Patientin hielt es vor Schmerzen im Unterbauch nicht mehr aus. In der Frauenklinik wurde notfallmäßig eine Bauchspiegelung vorgenommen und dabei festgestellt, dass die schmerzhaften Krämpfe symptomatisch waren für eine Endometriose.
Was ist das für eine Krankheit, unter der viele Frauen leiden, kurz vor und während der Monatsblutung und die ihnen bis in die Wechseljahre einmal monatlich mehrere Tage lang die Lebensqualität stiehlt, sofern sie weder medikamentös noch operativ dagegen angehen?
»Endometriose bedeutet, dass sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle befindet. Das Problem dabei ist, dass sie den gleichen Zyklusbedingungen unterliegt wie in der Gebärmutter. Endometriosezellen sitzen unter anderem auch in der Muskulatur der Gebärmutterwand«, erklärt Matthias W. Beckmann, Direktor der Frauenklinik des Uni-Klinikums Erlangen. Diese Frauen leiden vor der Periode unter sehr starken Schmerzen, weil es dort zu Schwellungen kommt. Endometriose kann aber auch die Eileiter, den Eierstock oder das Bauchfell befallen und zu Sterilität führen.
Letzterer Aspekt war nach Ansicht Beckmanns Ursache dafür, die Endometrioseforschung Anfang der 90er Jahre wieder zum Gegenstand intensiver medizinischer Studien zu machen. »Unser Problem ist doch, dass wir zu wenig Kinder in Deutschland haben. Die Frau im Jahr 2005 wird nicht mehr mit 22 schwanger; sie ist 35, hat die Berufsausbildung abgeschlossen, will jetzt Kinder und ist unter Zeitdruck, schwanger zu werden, denn jede Frau, die älter als 26 ist, gilt in der Medizin als Spät-Erstgebärende«, so Beckmann.
Laut Medizin-Statistik leiden von 100 Frauen, die nicht schwanger werden können, 35 bis 40 an Endometriose. Ein Frauenleiden, das ab dem Einsetzen des Monatszyklus jede betreffen kann und das unabhängig ist von Familiengeschichte, Körpergewicht und äußeren Einflüssen wie Bewegung und Ernährung.
Wobei Frauen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration aufgrund der Mangelernährung weniger häufig unter Endometriose zu leiden hatten, »die unterernährten Frauen produzierten weniger Östrogene, das hormonelle Milieu der modernen Frau jedoch ist anders«, stellt Beckmann fest.
Die Ursachen dieser Fehlansiedelung der Schleimhaut, die sich bei der Operation als Flecken unterschiedlicher Form, Farbe und Größe zeigen, werden »sehr kritisch« diskutiert, sagt der Erlanger Mediziner. Man geht davon aus, dass während der Menstruation geringe Mengen Blut über die Eileiter in den Bauch gelangt. Dieses Blut enthält noch lebende Zellen, denen es gelingt, sich im Bauchraum, im Eileiter oder im Eierstock festzusetzen. »Diese Zellen unterliegen den gleichen hormonellen Mechanismen wie die Schleimhaut in der Gebärmutter. Deswegen ist Endometriose auch eine Erkrankung der Frau, die noch nicht in den Wechseljahren ist«, erläutert Beckmann.
Die Krankheit trat im Laufe des letzten Jahrzehnts nicht häufiger auf, aber sie wird häufiger diagnostiziert. Der Erlanger Professor machte einen Gesinnungswandel bei den Patientinnen aus: »Früher haben Frauen eine schmerzhafte Periode toleriert, weil sie glaubten, das sei der Normalzustand, heute steht die Lebensqualität im Vordergrund und die Frauen wollen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Kinder kriegen.« Um die Betroffenen von den lästigen Schmerzen zu befreien, wird in den meisten gynäkologischen Praxen medikamentös behandelt, zumeist mit der Anti-Baby-Pille in einem Lang-Zyklus; die Patientin nimmt drei, vier Packungen ohne Pause ein. Sobald die Pille abgesetzt wird, kommt es erneut zur Monatsblutung. »Für die Endometriosepatientin heißt das, sie kann eine lange Zeit schmerzfrei sein«, sagt Matthias W. Beckmann.
Als Alternative werden mittels Spritze so genannte GnRH-Analoga verabreicht. Das Medikament gleicht einem Stoff aus der Hirnanhangdrüse und blockiert die Ausschüttung weiblicher Geschlechtshormone. Die Patientin wird für drei bis sechs Monate in künstliche Wechseljahre versetzt. Diese Methode wenden Ärzte fast immer nur vor einer Operation an, weil sich nach einer Unterbrechung der Behandlung die schmerzhafte Endometriose spätestens nach sechs Monaten wieder einstellt.

Bei Kinderwunsch rät der Gynäkologe dringend zur sanierenden Operation, bei der alle Endometriose-Herde entfernt werden. Der diagnostische Eingriff erfolgt meistens über eine Bauchspiegelung. Im Rahmen einer Studie werden in Erlangen neben neuen Hormonpräparaten auch neue Techniken der minimal-invasiven Operation, insbesondere bei fortgeschrittener oder wieder aufgetretener Endometriose, entwickelt.
»Durch die Operation erhält die Frau die Gewissheit, dass organisch alles in Ordnung ist«, erklärt Beckmann. Während der OP wird auch die Durchgängigkeit der Eileiter überprüft. »Es gibt Frauen, die versuchen seit anderthalb Jahren schwanger zu werden, wobei das Problem auch im Eileiter sitzen kann. Am Ende der OP geben wir einen Katheter in die Eileiter, der einen Farbstoff enthält. So sehen wir exakt, dass die Eileiter durchgängig sind, das bedeutet für die Patientin eine psychische und physische Entlastung«.
An der Uni-Frauenklinik werden innerhalb von zwei bis drei Jahren etwa 450 Frauen mit Endometriose behandelt. Für sie wurde eine Spezialsprechstunde mit dem Ärzteteam Peter Oppelt und Stefan Renner eingerichtet.

Wer schwanger werden will, dem hilft nur die Operation.